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		<title><![CDATA[Lost the plot - It's not like we're eating broccoli. ]]></title>
		<link>https://www.losttheplot.de/</link>
		<description><![CDATA[Lost the plot - https://www.losttheplot.de]]></description>
		<pubDate>Sun, 26 Jul 2026 03:13:36 +0000</pubDate>
		<generator>MyBB</generator>
		<item>
			<title><![CDATA[Jewgeni Alvarez]]></title>
			<link>https://www.losttheplot.de/showthread.php?tid=2694</link>
			<pubDate>Wed, 22 Jul 2026 20:46:57 +0200</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://www.losttheplot.de/member.php?action=profile&uid=574">Jewgeni Alvarez</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://www.losttheplot.de/showthread.php?tid=2694</guid>
			<description><![CDATA[<div class="p1 stecki">
  <div class="p2">Jewgeni Alvarez</div>
  <div class="p3">ain′t nothin' but a heartache</div>
  <div class="ph1">
    <div class="ph2">
      <div class="p9">„</div>
      <div class="p10">Am I your fire?<br />
Your one desire?</div>
    </div>
    <img src="https://i.pinimg.com/control1/1200x/06/52/82/065282f8e79b7ccda386db0fd404d829.jpg"><br />
  </div>
  <div class="p4">
    <div class="lfacts">
      <div>telfi</div>
      <div>Alter // 45 Jahre</div>
      <div>
        Job // Schulsozialarbeiter</div>
      <div>
        Pizza // Marinara</div>
      <div>
        Ava // Oscar Isaac</div>
    </div>
    <div class="p7">
      <div class="p5-2">
        <img src="https://64.media.tumblr.com/3af662b110cd405061ed56c88c2e69b4/659816de8bbba746-0a/s500x750/f6fab28f2775f42742595fdd6dfc5a7c5c293bd1.gif"><br />
      </div>
      Männlich, 45y, 3 Katzen, spricht fliessend Englisch, Russisch, Spanisch und Bullshit. Ich bin Schulsozialarbeiter, habe mir dieses Leben ausgesucht, meine Berufung wird mich irgendwann umbringen. Entweder, weil ich an einem frühen Herzinfarkt sterbe oder den falschen Jugendlichen aufs Korn genommen habe. Ich hatte schonmal einen Zirkel in der Schulter stecken – da war ich noch Lehrer. Schiebe es darauf. Als Schulsozialarbeiter woll-müssen viele Jugendliche zu mir. Als Lehrperson – vor allem wenn du Französisch unterrichtest – bist du nur gearscht. Ich hab’ versucht Kunst nicht wie eine It-Mom mit Pastamodellen an Kinder zu bringen. Mässig geklappt, sagen die einen. Ich finde, ich habe immer noch Erfolg damit auch jetzt in meinem kleinen Büro. Da stehen Pflanzen – kein Marihuana – und an der Wand hängen Fotos von meinen Katzen, als wäre ich ein stolzer Vater. Mein letztes Date meinte: <i>Bist schon Daddy-Material</i>. Wenn sie mit Daddy die sexy Art meint, stimme ich ihr voll und ganz zu. Aber ich setze definitiv keine Kinder in diese Welt – der Trick ist es Frauen zu daten, die gerade abgelehnt haben ihre Eier einzufrieren, weil sie keine Mom-Pooch wollen. Oder ich date ganz einfach richtige Daddys. Du siehst: Ich bin angenehme Gesellschaft, lern' mich kennen, ich mal dir eine kleine Blume auf eine Serviette und wir sehen wohin das führt.  <br />
    </div>
    <div class="p8">Das Leben eines Sowjets.</div>
Starre ich? Mit einem Blinzeln versuche ich weniger intensiv zu wirken, während Ayaz seine rote Vier auf den Kartenstapel zwischen uns gleiten lässt – nonchalant. Ayaz ist cool, er ist ein Anführer und er wurde schon von zwei Schulen geschmissen. Jetzt sitzt er hier und spielt mit mir Karten, während wir sprechen. <b> «Ich habe gehört gestern ist was passiert»</b>, ich versuche auch nonchalant zu sein – das liegt mir in den russischen Genen. <i><b> «War n’ Hurensohn»</b></i> Für Ayaz sind alle Hurensöhne, die erfolgreicher im Leben sind als er. Ich verstehe das, war mit 15 auch so. Meine Mutter war mit 15 schwanger. Ayaz glaubt auch nicht wirklich an Verhütung, aber er hat auch gerade nichts am Laufen. Oder? <b> «Wie geht es Valdina?»</b> - <i><b> «Was soll mit der sein?»</b></i> - also nichts mehr am Laufen. Ich lege eine Karte ab. Ich sehe viel von Ayaz in meinem jüngeren Ich. Er ist frustriert, er weiss nicht wo er hingehört und man unterschätzt ihn. Er könnte mir hier ein Auto zerlegen, da bin ich mir sicher. Nur braucht es das in Mathematik nicht – da will man von ihm wissen für was die Variable x steht. Und wenn er es endlich herausgefunden hat, fragt der Lehrer nach der zweiten Lösung. <br />
Ich spreche Russisch, Englisch, Spanisch und Jugendlich. Oder sollte ich einfach sagen menschlich? Ich liebe meinen Job als Schulsozialarbeiter, aber er laugt mich auch aus. Ich brauche am Abend Abstand davon, dann drehe ich mir selbst einen Joint und denke darüber nach, wie ich mit Vanessa erst gerade darüber gesprochen habe, dass ihre Ängste auch vom Gras noch verstärkt werden können. Selbstmedikation – nichts Gutes. Ach, ich sehne mich nach dem Gefühl, wie meine Finger das Papier rollen. <i> «Wieso sind Sie eigentlich nicht mehr Lehrer»</i> - <b> «Ich wollte was verändern»</b>, checkte Ayaz nicht, checke ich grad auch nicht nur. Spreche ich damit einem Lehrer ab, dass er das kann? Ich spreche vor allem mir ab, dass ich das als Kunstlehrer konnte. Malen ist für mich aber immer noch ein guter Rückzugsort. Erinnert mich daran, wie ich mit Steinen einfach als Kind auf Strassen draussen gekritzelt habe, erinnert mich an die sowjetsche Schule in Perm, erinnert mich daran, wie oft ich alleine zuhause gewesen bin, weil meine Mutter gearbeitet hat. Erinnere mich daran, wie meine Grossmutter mich an den Ohren zu meinem Grossvater gezogen hat, weil sie es für eine unnütze Beschäftigung hielt. Dann hat er mit mir das 1x1 geübt. <br />
Dabei war ich allen immer zu wild, wenn ich nicht gerade gekritzelt habe. Ich schiebe das heute auf meine spanischen Gene – haben sich echt nicht mit den Russischen vertragen. Als hätte man Paella und Stroganoff zusammengerührt. Aber: Ich war sogar Mitglied der Young Pioneer. Mein rotes Halstuch bedeutet heute für niemanden mehr etwas. Ich male wirklich viel mit roter Farbe: Sollte ich das mit meinem Therapeuten besprechen? <br />
<br />
<br />
Es ist Nachmittag.<br />
Ayaz ist nach Hause und ich bin auf dem Weg zu meiner Mutter. Als ich mit 17 zu meinem Vater nach London gezogen bin, blieb sie in Russland. Mein Weg war lange bis zur pädagogischen Ausbildung. War noch nicht Sozialarbeiter, als meine Mutter auch nach England kam. Unsere Beziehung ist liebevoll. Aber emotional wie diese Halsketten, die man nie mehr anziehen kann, weil sie sich verknotet haben. Sie wohnt in Manchester, neue Familie, neue Kinder. Neuer Mann. Reicher Mann. Die Nachbarn kennen ihren Namen nicht einmal; ist halt die Russin, die sich den Reichen geangelt hat. Dabei ist er sogar noch jünger. Und sie färbt sich die Haare rot -  da haben wir’s wieder: Rot. <br />
Ich bin ein Beobachter, nicht immer gewesen. Meine Kindheit und Jugend hat mich zu einem gemacht. Ich breche unter Freunden aus, trinke zu viel, bin ein anderer Mensch: Laut, ausgelassen. Wobei mit meinen Katzen bin ich das auch: Sasha, Blini und Kira. Kann nicht Nein sagen zu Streunern – Menschen und Tiere. Naja vor allem Katzen. Hatte mal eine Taube – Sasha hat sie gefressen. Hat nicht funktioniert. Genauso wie die Beziehung zwischen mir und: <b> «Aaaaaaalbert</b> - <b><i> «Jeeeewgeni</i></b> er trägt Polo mit Krokodil. Ich trage T-Shirt vom Designer Secondhand. Er ist 55. Meine Mutter 60. Sieht besser aus, als er. Englische Männer sehen ab 50 manchmal aus, als hätte man sie wie ein Gummiband zu oft gestretcht. Er ist bei der freiwilligen Feuerwehr – vielleicht macht das auch die Hitze mit seinem Gesicht. Weiss selbst nicht genau, wieso ich mich gedanklich jetzt wieder wie ein eifersüchtiger 15-jähriger benehme. Kann das nicht auf meine Hormone schieben. Oder? Ich klopfe Misha meinem Halbbruder auf die Schulter, Vera rennt an mir vorbei. Richtig kurzer Rock. Würde ihr gerne was Längeres zum Anziehen empfehlen – grossbrüderliche Gefühle. Dabei mag ich kurze Röcke bei Frauen doch sehr. Aber das ist was anderes. <b> «Privet, mam»</b>, ich umarme meine Mutter und drücke ihr nonchalant den Blumenstrauss in die Hände. Ich rieche was: <b> «Pachnet borschtschom»</b>  - <i><b> «Setz dich.»</b></i> Sie sieht streng aus, aber schnüffelt dann doch an den Blumen und stellt sie verliebt in eine Vase. Es ist wie immer anders hier, als wenn ich meinen Vater besuche. Hier wird es erst laut nach dem dritten Shot. Die Flasche Wodka steht auf dem Tisch, als wären wir in einer sehr inszenierten Theaterszene einer russischen Familie. <b> «Tolko odin»</b>, ich weise auf die Flasche, habe nachher noch ein Date. Sie ist Ende Zwanzig. Irgendwie stehe ich auf jüngere Frauen. Bei Männern ist mir das egal – das sollte ich nicht laut aussprechen. Passiert aber schon auch. <br />
Wieso ich bevorzugt mit Jugendlichen aus schwierigen Familien oder mit Migrationshintergrund arbeite? Ich muss nicht lange überlegen. Ich sehe einige der Gründe vor mir, andere wohnen in London. Ich war nie vollständig russisch. Zu wenig für meine Grosseltern, zu viel für die Engländer. Ich spreche spanisch, aber ich lebe nicht spanisch. Mein Alltag ist Englisch. Aber ich verstehe Albert nicht wirklich. Ich grinse ihn trotzdem an. Er ist eigentlich ein guter Mann, akzeptiert meine Mutter so, wie sie ist, steht hinter ihr und zeigt der Nachbarschaft den Mittelfinger, wenn sie dumm schwatzen. Aber dieses Heile-Familie-Ding macht mich wahnsinnig. Nicht nur mich. Auch Vera und Misha. Darum hat’s bei mir ein Bett mehr. Vera hat vor ein paar Monaten mal ein paar Wochen bei mir gelebt. Misha kommt, wenn er einen Tapetenwechsel braucht. Ich fühle mich uralt, wenn sie bei mir sind – weil ich ihr Vater sein könnte und nicht ihr Bruder.<br />
<br />
Ich kritzle vor mich hin. Bin nach einem langen Tage endlich nach Hause gekommen. Ich mag meinen kleinen Hinterhof, habe ihn mit einem Katzennetz einzäunen lassen. Blini hat es trotzdem schon ein paar Mal geschafft auszubrechen. Er geht aber nur zwei, drei Meter weiter bis er wieder zurückkommt und so tut, als ob ich ihn jetzt nicht mehr reinlassen würde. Bin gesellschaftlich eigentlich ein ganz Süsser. Mag es unter Leuten zu sein, aber manchmal da geniesse ich es alleine. Eine Tasse Tee, ein Glas eingelegte Gurken, Cracker – nicht Crack. Nicht, dass ich nicht schon ausprobiert habe – immer noch <u>kein Crack</u> - aber nach dem Tripp in der U-Bahn vor drei Monaten brauchte ich mal wieder jemanden der mir sagt, dass ich Ü40 bin. Und darum sind jetzt Tee und Eingelegtes wieder in. Mein Date war ganz okay – bisschen zu viel Make-Up, zu wenig Wangenknochen. Habe sie um knapp nach Halbzehn nach Hause gebracht, kurz gewartet, aber sie wollte mich nicht reinbitten. War eigentlich ganz froh, Sex mit unsicheren Frauen ist anstrengend.  Sitze ja jetzt hier wie die Nachbarschaftshexe von den Simpsons mit meinen Katzen. Texte trotzdem einem <i>Freund</i>: Bock? <br />
Ist erst Halbelf und Morgen ist Samstag<br />
 </div>
</div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="p1 stecki">
  <div class="p2">Jewgeni Alvarez</div>
  <div class="p3">ain′t nothin' but a heartache</div>
  <div class="ph1">
    <div class="ph2">
      <div class="p9">„</div>
      <div class="p10">Am I your fire?<br />
Your one desire?</div>
    </div>
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      <div>Alter // 45 Jahre</div>
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        Job // Schulsozialarbeiter</div>
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        Pizza // Marinara</div>
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        Ava // Oscar Isaac</div>
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    <div class="p7">
      <div class="p5-2">
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      Männlich, 45y, 3 Katzen, spricht fliessend Englisch, Russisch, Spanisch und Bullshit. Ich bin Schulsozialarbeiter, habe mir dieses Leben ausgesucht, meine Berufung wird mich irgendwann umbringen. Entweder, weil ich an einem frühen Herzinfarkt sterbe oder den falschen Jugendlichen aufs Korn genommen habe. Ich hatte schonmal einen Zirkel in der Schulter stecken – da war ich noch Lehrer. Schiebe es darauf. Als Schulsozialarbeiter woll-müssen viele Jugendliche zu mir. Als Lehrperson – vor allem wenn du Französisch unterrichtest – bist du nur gearscht. Ich hab’ versucht Kunst nicht wie eine It-Mom mit Pastamodellen an Kinder zu bringen. Mässig geklappt, sagen die einen. Ich finde, ich habe immer noch Erfolg damit auch jetzt in meinem kleinen Büro. Da stehen Pflanzen – kein Marihuana – und an der Wand hängen Fotos von meinen Katzen, als wäre ich ein stolzer Vater. Mein letztes Date meinte: <i>Bist schon Daddy-Material</i>. Wenn sie mit Daddy die sexy Art meint, stimme ich ihr voll und ganz zu. Aber ich setze definitiv keine Kinder in diese Welt – der Trick ist es Frauen zu daten, die gerade abgelehnt haben ihre Eier einzufrieren, weil sie keine Mom-Pooch wollen. Oder ich date ganz einfach richtige Daddys. Du siehst: Ich bin angenehme Gesellschaft, lern' mich kennen, ich mal dir eine kleine Blume auf eine Serviette und wir sehen wohin das führt.  <br />
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    <div class="p8">Das Leben eines Sowjets.</div>
Starre ich? Mit einem Blinzeln versuche ich weniger intensiv zu wirken, während Ayaz seine rote Vier auf den Kartenstapel zwischen uns gleiten lässt – nonchalant. Ayaz ist cool, er ist ein Anführer und er wurde schon von zwei Schulen geschmissen. Jetzt sitzt er hier und spielt mit mir Karten, während wir sprechen. <b> «Ich habe gehört gestern ist was passiert»</b>, ich versuche auch nonchalant zu sein – das liegt mir in den russischen Genen. <i><b> «War n’ Hurensohn»</b></i> Für Ayaz sind alle Hurensöhne, die erfolgreicher im Leben sind als er. Ich verstehe das, war mit 15 auch so. Meine Mutter war mit 15 schwanger. Ayaz glaubt auch nicht wirklich an Verhütung, aber er hat auch gerade nichts am Laufen. Oder? <b> «Wie geht es Valdina?»</b> - <i><b> «Was soll mit der sein?»</b></i> - also nichts mehr am Laufen. Ich lege eine Karte ab. Ich sehe viel von Ayaz in meinem jüngeren Ich. Er ist frustriert, er weiss nicht wo er hingehört und man unterschätzt ihn. Er könnte mir hier ein Auto zerlegen, da bin ich mir sicher. Nur braucht es das in Mathematik nicht – da will man von ihm wissen für was die Variable x steht. Und wenn er es endlich herausgefunden hat, fragt der Lehrer nach der zweiten Lösung. <br />
Ich spreche Russisch, Englisch, Spanisch und Jugendlich. Oder sollte ich einfach sagen menschlich? Ich liebe meinen Job als Schulsozialarbeiter, aber er laugt mich auch aus. Ich brauche am Abend Abstand davon, dann drehe ich mir selbst einen Joint und denke darüber nach, wie ich mit Vanessa erst gerade darüber gesprochen habe, dass ihre Ängste auch vom Gras noch verstärkt werden können. Selbstmedikation – nichts Gutes. Ach, ich sehne mich nach dem Gefühl, wie meine Finger das Papier rollen. <i> «Wieso sind Sie eigentlich nicht mehr Lehrer»</i> - <b> «Ich wollte was verändern»</b>, checkte Ayaz nicht, checke ich grad auch nicht nur. Spreche ich damit einem Lehrer ab, dass er das kann? Ich spreche vor allem mir ab, dass ich das als Kunstlehrer konnte. Malen ist für mich aber immer noch ein guter Rückzugsort. Erinnert mich daran, wie ich mit Steinen einfach als Kind auf Strassen draussen gekritzelt habe, erinnert mich an die sowjetsche Schule in Perm, erinnert mich daran, wie oft ich alleine zuhause gewesen bin, weil meine Mutter gearbeitet hat. Erinnere mich daran, wie meine Grossmutter mich an den Ohren zu meinem Grossvater gezogen hat, weil sie es für eine unnütze Beschäftigung hielt. Dann hat er mit mir das 1x1 geübt. <br />
Dabei war ich allen immer zu wild, wenn ich nicht gerade gekritzelt habe. Ich schiebe das heute auf meine spanischen Gene – haben sich echt nicht mit den Russischen vertragen. Als hätte man Paella und Stroganoff zusammengerührt. Aber: Ich war sogar Mitglied der Young Pioneer. Mein rotes Halstuch bedeutet heute für niemanden mehr etwas. Ich male wirklich viel mit roter Farbe: Sollte ich das mit meinem Therapeuten besprechen? <br />
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Es ist Nachmittag.<br />
Ayaz ist nach Hause und ich bin auf dem Weg zu meiner Mutter. Als ich mit 17 zu meinem Vater nach London gezogen bin, blieb sie in Russland. Mein Weg war lange bis zur pädagogischen Ausbildung. War noch nicht Sozialarbeiter, als meine Mutter auch nach England kam. Unsere Beziehung ist liebevoll. Aber emotional wie diese Halsketten, die man nie mehr anziehen kann, weil sie sich verknotet haben. Sie wohnt in Manchester, neue Familie, neue Kinder. Neuer Mann. Reicher Mann. Die Nachbarn kennen ihren Namen nicht einmal; ist halt die Russin, die sich den Reichen geangelt hat. Dabei ist er sogar noch jünger. Und sie färbt sich die Haare rot -  da haben wir’s wieder: Rot. <br />
Ich bin ein Beobachter, nicht immer gewesen. Meine Kindheit und Jugend hat mich zu einem gemacht. Ich breche unter Freunden aus, trinke zu viel, bin ein anderer Mensch: Laut, ausgelassen. Wobei mit meinen Katzen bin ich das auch: Sasha, Blini und Kira. Kann nicht Nein sagen zu Streunern – Menschen und Tiere. Naja vor allem Katzen. Hatte mal eine Taube – Sasha hat sie gefressen. Hat nicht funktioniert. Genauso wie die Beziehung zwischen mir und: <b> «Aaaaaaalbert</b> - <b><i> «Jeeeewgeni</i></b> er trägt Polo mit Krokodil. Ich trage T-Shirt vom Designer Secondhand. Er ist 55. Meine Mutter 60. Sieht besser aus, als er. Englische Männer sehen ab 50 manchmal aus, als hätte man sie wie ein Gummiband zu oft gestretcht. Er ist bei der freiwilligen Feuerwehr – vielleicht macht das auch die Hitze mit seinem Gesicht. Weiss selbst nicht genau, wieso ich mich gedanklich jetzt wieder wie ein eifersüchtiger 15-jähriger benehme. Kann das nicht auf meine Hormone schieben. Oder? Ich klopfe Misha meinem Halbbruder auf die Schulter, Vera rennt an mir vorbei. Richtig kurzer Rock. Würde ihr gerne was Längeres zum Anziehen empfehlen – grossbrüderliche Gefühle. Dabei mag ich kurze Röcke bei Frauen doch sehr. Aber das ist was anderes. <b> «Privet, mam»</b>, ich umarme meine Mutter und drücke ihr nonchalant den Blumenstrauss in die Hände. Ich rieche was: <b> «Pachnet borschtschom»</b>  - <i><b> «Setz dich.»</b></i> Sie sieht streng aus, aber schnüffelt dann doch an den Blumen und stellt sie verliebt in eine Vase. Es ist wie immer anders hier, als wenn ich meinen Vater besuche. Hier wird es erst laut nach dem dritten Shot. Die Flasche Wodka steht auf dem Tisch, als wären wir in einer sehr inszenierten Theaterszene einer russischen Familie. <b> «Tolko odin»</b>, ich weise auf die Flasche, habe nachher noch ein Date. Sie ist Ende Zwanzig. Irgendwie stehe ich auf jüngere Frauen. Bei Männern ist mir das egal – das sollte ich nicht laut aussprechen. Passiert aber schon auch. <br />
Wieso ich bevorzugt mit Jugendlichen aus schwierigen Familien oder mit Migrationshintergrund arbeite? Ich muss nicht lange überlegen. Ich sehe einige der Gründe vor mir, andere wohnen in London. Ich war nie vollständig russisch. Zu wenig für meine Grosseltern, zu viel für die Engländer. Ich spreche spanisch, aber ich lebe nicht spanisch. Mein Alltag ist Englisch. Aber ich verstehe Albert nicht wirklich. Ich grinse ihn trotzdem an. Er ist eigentlich ein guter Mann, akzeptiert meine Mutter so, wie sie ist, steht hinter ihr und zeigt der Nachbarschaft den Mittelfinger, wenn sie dumm schwatzen. Aber dieses Heile-Familie-Ding macht mich wahnsinnig. Nicht nur mich. Auch Vera und Misha. Darum hat’s bei mir ein Bett mehr. Vera hat vor ein paar Monaten mal ein paar Wochen bei mir gelebt. Misha kommt, wenn er einen Tapetenwechsel braucht. Ich fühle mich uralt, wenn sie bei mir sind – weil ich ihr Vater sein könnte und nicht ihr Bruder.<br />
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Ich kritzle vor mich hin. Bin nach einem langen Tage endlich nach Hause gekommen. Ich mag meinen kleinen Hinterhof, habe ihn mit einem Katzennetz einzäunen lassen. Blini hat es trotzdem schon ein paar Mal geschafft auszubrechen. Er geht aber nur zwei, drei Meter weiter bis er wieder zurückkommt und so tut, als ob ich ihn jetzt nicht mehr reinlassen würde. Bin gesellschaftlich eigentlich ein ganz Süsser. Mag es unter Leuten zu sein, aber manchmal da geniesse ich es alleine. Eine Tasse Tee, ein Glas eingelegte Gurken, Cracker – nicht Crack. Nicht, dass ich nicht schon ausprobiert habe – immer noch <u>kein Crack</u> - aber nach dem Tripp in der U-Bahn vor drei Monaten brauchte ich mal wieder jemanden der mir sagt, dass ich Ü40 bin. Und darum sind jetzt Tee und Eingelegtes wieder in. Mein Date war ganz okay – bisschen zu viel Make-Up, zu wenig Wangenknochen. Habe sie um knapp nach Halbzehn nach Hause gebracht, kurz gewartet, aber sie wollte mich nicht reinbitten. War eigentlich ganz froh, Sex mit unsicheren Frauen ist anstrengend.  Sitze ja jetzt hier wie die Nachbarschaftshexe von den Simpsons mit meinen Katzen. Texte trotzdem einem <i>Freund</i>: Bock? <br />
Ist erst Halbelf und Morgen ist Samstag<br />
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